Relionite Founder Aliena Leonhard on Couch

Warum ich als Solo-Gründerin im B2B-SaaS nicht dem Narrativ folge

Ein Mythos, Daten und eine andere Geschichte über Erfolg

Bevor ich mein B2B-SaaS-Unternehmen gegründet habe, hörte ich es ständig:
Dein Geschäftsmodell ist zu riskant für eine Person. Du brauchst ein Team.
B2B-SaaS ist zu komplex, um allein zu skalieren.

Teams werden von Investoren bevorzugt.

Du wirst scheitern, wenn du nicht schnell ein Team aufbaust.

Die Narrative waren konsistent. Die Botschaft war eindeutig.

Und doch habe ich mich entschieden, allein zu gründen – als Solo-Gründerin im B2B-SaaS-Sektor, einem Bereich, der als Hochburg für Team-Gründungen gilt.

Was mich u.a. dazu ermutigt hat?
Daten.

Was ich gefunden habe, widerspricht vielem, was im Startup-Ökosystem als „gesunder Menschenverstand“ gilt. Und genau deshalb schreibe ich diesen Text – für alle, die spüren, dass ihr Weg anders ist, aber ständig hören, dass er falsch sei.


Der Mythos der Überlegenheit von Teams

Die Startup-Welt liebt ein gutes Narrativ.
Und eines der hartnäckigsten ist dieses:
Teams sind Einzelgründern überlegen.
Mehr Köpfe, mehr Skills, mehr Netzwerk, mehr Sicherheit.
Investoren bevorzugen Teams. Inkubatoren fördern Teams. Medien erzählen Team-Stories.

Ich habe gefragt, was sagt die Forschung?

Jason Greenberg und Ethan R. Mollick analysierten in ihrer Studie Sole Survivors: Solo Ventures Versus Founding Teams tausende Unternehmensgründungen. Ihr Ergebnis ist klar – und für viele unbequem:

  • Solo-Gründer bauen signifikant langlebigere Unternehmen
  • Teams scheitern häufiger
  • Solo-Gründungen erzielen im Schnitt größere Resultate als Gründer-Paare

Die Autoren schreiben selbst:

„Die weit verbreitete Annahme, dass Gründerteams Solounternehmen überlegen sind, hält einer empirischen Überprüfung nicht stand.“

Das ist kein Randbefund.
Das ist ein Frontalangriff auf ein zentrales Dogma der Startup-Kultur.


Warum Teams häufiger scheitern

Die Erklärung ist erstaunlich unspektakulär:
Reibung.

Startups operieren unter existenziellem Druck. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden – oft mit unvollständigen Informationen.
Eine Solo-Gründer*in entscheidet und handelt. Ein Team muss sich einigen.
Mehr Gründer bedeuten:

  • mehr Abstimmungsbedarf
  • mehr Konfliktpotenzial
  • mehr unterschiedliche Risikotoleranzen
  • mehr Sollbruchstellen

Gerade in Krisenphasen werden diese Unterschiede nicht kleiner, sondern größer. Größere Teams geben Gründungen zudem häufiger auf. Meine persönliche – aber durch Erfahrung gestützte – Hypothese:

Wenn ich gehe, geht es vielleicht trotzdem weiter.

Diese psychologische Entlastung existiert bei Solo-Gründer*innen nicht. Hinzu kommt ein nüchterner ökonomischer Punkt:
Ein Solo-Founder muss weniger erwirtschaften, um handlungsfähig zu bleiben. Und später ist es oft effizienter, gezielt Mitarbeitende einzustellen, als dauerhaft Gewinne, Kontrolle und Entscheidungsfähigkeit mit Co-Foundern zu teilen.

Das sind keine romantischen Ideale. Das sind strukturelle Vorteile.


B2B-SaaS: Komplex – aber prädestiniert für Solo-Gründer

B2B-SaaS gilt als besonders anspruchsvoll:
lange Sales-Zyklen, komplexe Produkte, hohe Erwartungen an Stabilität.
Und genau deshalb ist es ein Umfeld, in dem Effizienz, Fokus und Profitabilität zählen – nicht maximale Geschwindigkeit um jeden Preis.

Gerade Solo-Gründer*innen bauen hier oft anders:

  • weniger Burn
  • weniger Hype
  • mehr Nähe zum Kunden
  • frühere Profitabilität

Der geringe Frauenanteil im B2B-SaaS (ca. 12,3 %) zeigt ein strukturelles Problem.
Aber er zeigt auch: Viele der Frauen, die dennoch gründen, tun das allein oder in sehr kleinen Konstellationen – und bauen Unternehmen, die nicht auf maximale Finanzierung, sondern auf Substanz ausgelegt sind.
Dass das funktioniert, belegt unter anderem eine Analyse der Boston Consulting Group:
Startups mit Gründerinnen erzielen – trotz geringerer Finanzierung – höhere kumulierte Umsätze.

Weniger Kapital. Mehr Ergebnis.
Das ist Effizienz.


Solo-Founder-Unternehmen als Zebras – das Rückgrat ihrer Branchen

Ein weiteres Argument, das ich oft höre, lautet:

„Ja, mag sein – aber das sind dann kleine, schnucklige Lifestyle-Businesses.“

Auch das hält der Realität nicht stand.
Hier sind zehn Unternehmen, die allein gegründet wurden. Man kann von dem Business oder den Gründer*innen halten was man mag, aber es ist das, was man im Startup-Bereich oft Zebra nennt: langlebig, profitabel, beschäftigungswirksam und gesellschaftlich relevant.

  • Amazon (Jeff Bezos) Kein schneller Exit, sondern jahrzehntelanger Aufbau von Infrastruktur. Heute Rückgrat für E-Commerce und Cloud-Services weltweit.
  • Spanx (Sara Blakely) Ohne VC, früh profitabel, langfristig geführt. Ein Unternehmen, das eine ganze Produktkategorie geschaffen und Hunderten Menschen stabile Arbeitsplätze gegeben hat.
  • BYD (Wang Chuanfu) Vom Ein-Mann-Batteriestartup zum globalen Player für Elektromobilität. Heute einer der größten Arbeitgeber der Welt im Bereich nachhaltige Technologie.
  • Patagonia (Yvon Chouinard) Seit über 50 Jahren profitabel, ohne Wachstumszwang. Gewinne fließen in Umweltschutz – wirtschaftliche Stabilität als Grundlage gesellschaftlicher Verantwortung.
  • Craigslist (Craig Newmark) Minimalistisch, extrem profitabel, kaum Personal – und dennoch ein zentraler Marktplatz für Millionen Menschen. Effizienz statt Maximierung.
  • eBay (Pierre Omidyar) Solo gegründet, über Jahrzehnte relevant. Ermöglicht bis heute Millionen kleinen Händler*innen wirtschaftliche Teilhabe.
  • Zoom (Eric Yuan) Früh profitabel, kundenzentriert entwickelt. Kein „Growth-at-all-costs“, sondern nachhaltige SaaS-Economics.
  • SpaceX (Elon Musk) Extrem kapitalintensiv, aber langfristig gedacht. Technologischer Backbone für Raumfahrt, Forschung und globale Konnektivität.
  • Dyson (James Dyson) Jahrzehntelange Re-Investition in Innovation. Ein Solo-Founder-Unternehmen als industrieller Stabilitätsanker.
  • GoDaddy (Bob Parsons) Infrastruktur für Millionen kleiner Unternehmen. Kein Glamour, aber essenziell für die digitale Wirtschaft.

Alle Unternehmen wurden gebaut, um langfristig zu bleiben.


Die Isolation von Solo-Gründerinnen

Trotz all dessen bleibt der Weg einsam.

Solo-Gründerinnen bewerten das Startup-Ökosystem deutlich seltener als unterstützend als Gründerinnen in Teams.
Nicht, weil sie schlechter sind. Sondern weil Netzwerke, Mentoren und Kapitalstrukturen auf Teams ausgelegt sind.

Dazu kommt: Frauen werden bei Investments kritischer befragt – und Solo-Gründerinnen noch einmal strenger.
Diese psychologische Zusatzlast ist real. Und sie kostet enorm viel Energie.


Was das bedeutet – für mich, für dich, für uns

Der Mythos der Team-Überlegenheit ist kein Naturgesetz.

Er ist ein Bias.

Teams werden nicht bevorzugt, weil sie nachweislich erfolgreicher sind – sondern weil sie sich für Investoren sicherer anfühlen.

Für Solo-Gründer*innen bedeutet das:

  • Dein Weg ist nicht schwächer.
  • Er ist oft effizienter.
  • Deine größte Hürde ist nicht Kompetenz, sondern Zugang.

Neue Kriterien für Erfolg

Erfolg wurde lange an einer einzigen Metrik gemessen:
Wachstum.
Doch diese Logik verschiebt sich.

Profitabilität, Resilienz und Substanz gewinnen an Bedeutung.
Und genau hier liegt die Stärke von Solo-Gründer*innen:

  • schnelle Entscheidungen
  • geringe Reibung
  • Nähe zum Markt
  • Fokus auf echte Wertschöpfung

Das ist kein weniger ambitionierter Weg.
Es ist ein anderer.


Zum Schluss – für alle, die zweifeln

Wenn dir gesagt wurde, dass du allein scheitern wirst.
Dass dein Produkt zu komplex ist.
Dass du erst ein Team brauchst, um ernst genommen zu werden.
Dann lass mich das sagen:

Die Daten widersprechen diesem Narrativ.
Die Forschung steht auf deiner Seite.
Und die Wirtschaft braucht mehr Zebras – nicht nur Unicorns.

Ich habe diesen Weg nicht gewählt, weil ich keine Angst habe. Sondern weil ich erkannt habe, dass diese Angst oft aus Geschichten entsteht – nicht aus Fakten. Und das macht für mich den Unterschied.

Quellen:

[1] Greenberg, Jason & Mollick, Ethan. (2018). Sole Survivors: Solo Ventures Versus Founding Teams. SSRN Electronic Journal. 10.2139/ssrn.3107898.

[2] Smart Business Concepts: “Sind Sologründer erfolgreicher?” (2020)

[3] Petereit, D.: “Solo-Gründer sind erfolgreicher – sagt diese Studie” t3n (2020)

[4] Deutscher Startup Monitor 2024, Startup-Verband

[5] Boston Consulting Group, zitiert in Shopify: “Gründerinnen: Herausforderungen und Erfolgsgeschichten” (2025)

[6] Female Founders Monitor 2022, Startup-Verband

[7] Hirschfeld Alexander, Jannis Gilde, Vanusch Walk, Franziska Teubert und Clara Stellbrink (2025): Female Founders Monitor 2025. Hrsg. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh DOI 10.11586/2025011

[8] Deutscher Startup Monitor 2024: “Strategie-Fokus Profitabilität statt Wachstum“